GELATO AL LIMONE

GELATO AL LIMONE

zottelige Hirtenhunde und unendliche 2000er Panoramen
Artikel von Reisejournalist Lutz Redeker

Die ligurischen Seealpen: Eine üppige Natur und Hunderte von Kilometern verwöhnen Velofahrer und MTB-Freaks. Doch wie sieht es abseits der beaten Tracks von Finale Ligure aus? Und wie ist es um die Via del Sale bestellt, jener uralten Handelsstraße die Piemont und Ligurien verbindet und seit 2014 wieder passierbar ist? Diese Frage stellten wir uns im Herbst 2018. Inzwischen ist es soweit: wir sitzen in einem gemütlichen Berghotel und unsere Gastgeber Alessio und Ariana in Limone versorgen uns mit allen erdenklichen Informationen für die intensiv angedachte Tour. Und denken an fantastische Bergpanoramen sowie unendliche Weitblicke auf unberührte Natur entlang der italienisch-französischen Grenze. Von hier trennen uns zwei Tagesetappen mit ca. 70 Pistenkilometer mit allen erdenklichen Schwierigkeitsgraden vom ligurischen Colle Melosa auf 1540 Metern.

Im Reich der blauen Schnecke

In den voran gegangen Tagen hatten wir es langsam angehen lassen. Wir besuchten Turin mit seinen herrlichen Palazzi und Cafés. Genossen das Retro-Feeling mit der alten Tram N. 7 (der ersten Linie in Italien 1958!) über weite Alleen zur Piazza Castello im Herzen der Altstadt bei 30 Stundenkilometern zu ruckeln und im Café Latti edle Schokoladenkonfekte zu probieren. Und – ganz gemäß der Philosophie der piemontesischen Slow Food – radelten mit offenen Augen für lokale Produkte auf Strassen dritter Ordnung durch die Region der Langhe. Denn nach weniger als 70 Kilometern Distanz von Turin präsentieren sich zwischen Barolo, Bra und Mondivio allerhand urbanistische und kulinarische Schätze. Etwa auf dem Corso Garibaldi von Bra mit seinen Käse- und Brotspezialitäten (Grolitto, Via Montegrappa 6) sowie der Osteria del Boccondivino, wo wir in einem lauschigen Innenhof feinste Pasta und Dolci zu Mittag genießen. Vor der Küche steht eine stilisierte blaue Schnecke, angeblich sinnierten hier einst Chef Firmino und der Soziologe Carlo Petrini über ihre später revolutionierenden Küchenideen, die in die slow-food Bewegung mündeten. Am Nachmittag staunen wir einen Katzensprung westlich über die höchstwahrscheinlich weltweit einzige Università degli studi gastronomiche von Pollenzo inmitten historischer Architektur. Studenten aus aller Welt lernen dort ihre eigene Esskultur und Speisen zu fördern. Bei Pollenzo mäandert der Tanaro Fluß nach Süden und auf kleinen Landstraßen gesäumt von gelbem Heinrich, geht es mal unterhalb der Weinhügel des Barolo, mal direkt am Fluß in Richtung unserer Unterkunft nach Farigliano. Eine Stippvisite mit „vorsichtiger“ Weinprobe in der Cantina Comunale von La Morra ist zwar einen Umweg wert, lässt uns in der aufkommenden Dämmerung allerdings fast die versteckte Abzweigung von Cornole/ Farigliano zu unserer Unterkunft versäumen.

Dort weist uns Gastgeber Giacomo in seine kleine und feine Weinproduktion ein, erzählt Anekdoten aus der Provinz und wir fallen rasch in einen behutsamen Schlaf. Mit seinen Wegnotizen gespickt, geht es früh am Morgen über Carrú und Magliano ins Off sanfter Hügel und saftiger Wiesen hin zum Centro von Mondovì mit toller Piazza – per Seilbahn! – einem herrlichen Adlernest mit Weitblick in Richtung Seealpen. Tatsächlich nähern wir uns dieser einzigartigen Bergsilhouette von nun an langsam aber sicher – markante Berge wie der Monte Bisalta erscheinen zum Greifen nah. Einen Snack und becherweise Wasser kosten wir in Lurisia, versteckter Thermalkurort mit Mineralwasserproduktion und Hydromassagen im Angebot. Von Boves an geht es am glasgrünen Bergfluss Gesso, allerdings alternativlos für einige Kilometer auf nagelneuer Strasse weiter. Immerhin hat die E74 einen guten Seitenstreifen, wo wir uns vor dem Windsog der Trucks sicher fühlen. Nach einigen gigantischen Kieswerken erscheint das Dörfchen Vernante – abseits und still. Ein dörfliches Kleinod mit vielen Comic-Wänden, denn Attilio Mussini, Zeichner des Pinocchio, verbrachte seine letzten zehn Lebensjahre hier. Mit ansteigender Höhe gelangen wir schließlich in den Skiort Limone in Piemonte, erster und einst recht begehrter italienischer Wintersportort mit Zuganschluss auf knapp 1100 Meter Höhe. Wir verschwinden in der Gelateria und gönnen uns ein Gelato al Limone bei der Frage wieso dieser Ort gerade so und nicht anders heisst.

Bald sind die Höhenzüge des Cuni und Testa Ciaudon sichtbar. Erstaunlich, wie diese Bergpiste der Vorgabe folgt, in südlicher Richtung möglichst wenig Höhenmeter zu konstruieren und weite Strecken auf gleichbleibenden Niveau passieren lässt. Dafür überraschen uns von Kurve zu Kurve neue Ansichten und erstaunliche Aussichten. Mit einsetzendem Regen kommen wir gerade noch zum Rifugio Don Barbera. Hier entblättern wir Schicht für Schicht von unserem Dress und wärmen uns am Ofen. Eine köstliche Käsepolenta vom Koch Gabriele und ein aufkommender, stark funkelnder Sternenhimmel hält uns bei Laune.

Entlang luftiger Höhenzüge mit grandiosen Panoramen

Die ersten Sonnenstrahlen am Rifugio offenbaren die einzigartige Naturregion, die uns hier umgibt. Der über 6000 ha großen Naturreserve Marguareis ist ein eindrückliches botanisches Paradies. Seine Karstlandschaft lässt sich über ein weites MTB-Netz entdecken. Enorme Karstformationen lassen vermuten, was sich unter der Erde verbirgt: Die Höhlen unterhalb des gesamten Marguareis-Massivs sind seit langem bekannt und bilden unterirdische Gänge von über 100 km Länge. Leider können wir dieses Eldorado für Pflanzenfreude nur am Vormittag erkunden und es geht nach einem Imbiss in Richtung Monte Betrand (2480 M). Weit unter uns zeichnet sich das Vall´d Upega ab – vor uns eine große Ziegenherde, deren mutige Bewacher, einige zottelige Hirtenhunde, keinen Zentimeter vom schmalen Pfad abweichen. Der Hirte schaut weit weg und wirkt auf uns wie ein Bote aus einer anderer Sphäre. Vom luftigen Höhenzug geht es jetzt für einige Kilometer durch einen taufrischen Wald mit Fichten und imposanten Farnen, den Bosco delle Navette. Am Ende tauchen wir am Fuss des Monte Tanarello – an der Abzweigung geht es rechts in die Höhe und nicht geradeaus (Süden) nach Monesio! – in eine feuchtwarme Wolke ein, die sich am Monte Tanarello fest klammert. Feine Regentropfen perlen an unseren Jacken ab, während wir über recht groben Schotter uns langsam nach oben schrauben. Auf dem Kamm angekommen, dem Passo auf 2045 Meter, scheinen wir die Wolke unter uns gelassen zu haben. Es finden sich Reste einer Befestigung. Genial: Der Blick reicht hin zur bizarren Kette des Authion bzw. dem Pointe des Trois Communes (2.080 m) und weit nach Westen. Tief unter uns auf französischer Seite fruchtbare Täler und unendlich lange Wälder – der Ort La Brique in weiter Ferne. Wir können uns nicht genug an dem Panorama satt sehen. Die Abfahrt auf französischer Seite hin zum Passo Collardente auf 1700 Meter fordert viel Achtsamkeit: kleine rutschige oder kantige Felsplatten wechseln mit spitzen Steinen, auf engen Kurvenpassagen gehts nur im Schritttempo weiter. 1794 lieferten sich an diesem Pass österreichische und französische Truppen einen unerbittlichen Kampf. Der Abstieg vom Monte Grai und der Befestigung Marta zum Rifugio Allavena fordert nochmal unsere Fahrttechnik heraus – der grobe Schotter erlaubt keine Fehler.

Benvenuti in Liguria

Ein spürbar warmer Wind und Sicht auf das Mittelmeer ermuntert uns zeitig in das tief gelegene Molini di Triora zu starten. Lange Zeit war der Ort erste Station der alten Salzstraße nach Norden – und lieferte nötigen Proviant. Wassermühlen verarbeiteten neben Weizen auch Gerste, Kichererbsen und Kastanien – Kirchen, Piazze und stattliche Wohnhäuser sind stumme Zeugen dieser Zeit. Selbstversorgung und Tauschhandel blühten in Triora bis in die 1970er Jahre. Auf der SP 17/19/21 geht es nochmals über Andegna – mit freundlicher Bar und Espressopause – in die Höhe nach San Bernardo di Conio wo mächtige Rinder sich entspannt auf der Strasse tummeln. Langsam verändert sich die Luft. Unter dem Duft sommertrockener Vegetation von Pinien, Feigenbäumen und Kräutern flitzen wir bei Cesio in Richtung Imperia, in Gedanken schon beim erhofften Sprung in die brausenden Fluten. Langsam nimmt der Verkehr zu, Ampeln bremsen die kilometerlange Abfahrt aus. Im geschäftigen Centro von Imperia und der prächtigen Meerpromenade fühlen wir uns nach der zauberhaften Bergwelt zunächst noch etwas fremd. Am Abend sitzen wir jedoch inmitten von Olivenhainen im Agriturismo San Giuseppe des Künstlerortes Valloria – hoch über der Küste genießen wir den Meerblick und die ligurische Küche. Traumgleich erscheint beim Aperitif mit leckeren Taggiascaoliven der Rückblick auf die einzigartige Via del Sale.

INFO

Zugverbindungen von Zürich nach Turin mit den Freccerossa ab ca. 110 SFR; Imperia – Zürich ab ca. 140 SFR. Die Via del Sale ist von Juni bis einschliesslich September passierbar aber Di/ Do nur für Trekking und Biking zugänglich. Stabile Velos, am besten MTB´s sind gefragt. Die Rifugi bieten Verpflegung und Logis. Gut zurücklegen lässt sich die Tour in den Etappen:

  1. Turin – Bra – Farigliano (ca. 80 km)
  2. Farigliano – Mondovì – Lurisia – Boves – Limone (ca. 70 km)
  3. Limone – Rifugio Don Barbera (ca. 30 km)
  4. Rifugio Don Barbera – Rifugio Allavana (ca. 40 km)
  5. Rifugio Allavana – Molini di Triora – Cesio – Imperio – Valloria (ca. 75 km)